Apple und die Antenne

Habe ich Empfangsproblem mit einem iPhone 4? Ja, in Gegenden mit schlechter Netzabdeckung. Habe ich ein Problem damit? Nein, mein Hirn hat in dieser Beziehung keine Empfangsschwierigkeiten, die offenbar viele besitzen, wenn man sich die Nachrichten, Blog-Einträge, Twitter- und Facebook-Kommentare durchliest. Überwiegend ist das heiße Luft, denn niemand außer Apple kennt die wahren Ursachen und die Zahl der Betroffenen.
Der Rest der Welt weiß nur, dass das Problem exisitiert, aber auch nicht bei jedem Gerät. Spielt aber für mich keine Rolle. Genauso wie die Ursache des Problems. Es ist da und muss gelöst werden. Apple hat nun — etwas spät — reagiert und bietet Abhilfe. Mit der Vergabe von kostenlosen Hüllen bzw. Rückerstattung der Kosten eines Bumper-Kaufs und dem erweiterten Rückgaberecht, mag so mancher nicht einverstanden sein und nach einer Rückruf- und Reparaturaktion schreien. Wozu? Als Kunde habe ich davon keinen Vorteil, weil es derzeit keine Hardware-Lösung gibt. Die Hüllen hingegen helfen sofort und haben sogar noch andere Vorteile, z.B. Fall- und/oder Kratzschutz. Wenn einem das nicht zusagt, kann man das Gerät immer noch zurückbringen und bekommt sein Geld wieder. Derzeit geht das wohl nur in den USA, aber die Telekom wird hier mitziehen müssen.
Ich will nicht behaupten, dass Apple ideal und schnell reagiert hat, aber immerhin kam eine Reaktion, von der ein Kunde auch etwas hat. Andere Hersteller, deren Smartphones ebenfalls Empfangsprobleme aufweisen, tun nichts oder streiten es sogar ab. Sie können sich diesen Luxus aber auch leisten, weil eine negative Schlagzeile über Motorola, RIM oder selbst Nokia, lange nicht so viel Anklang findet und derart irrationale, teils sogar verstörende Reaktionen hervorruft. Aus einigen Leuten spricht der blanke Hass, als hätte Steve Jobs persönlich ihre Mutter erschossen und auf der Leiche getanzt. Die Ironie daran: viele davon haben nie ein Apple-Produkt besessen.
Ich frage mich wirklich, warum es kaum neutrale Sichtweisen zu Apple gibt? Entweder ist alles gut oder alles scheiße. Dabei gibt’s keinen Grund dazu. Niemand wird gezwungen ein iPhone oder einen Mac zu kaufen. Zwar kann einem manch zu sehr überzeugter Apple-Anhänger ziemlich auf den Senkel gehen, aber das ist keine Rechtfertigung, um das Hirn auszuschalten und seiner Abneigung freien Lauf zu lassen …
Zum angenehmen Teil des Abends
Abseits des ganzen Theaters kann ich nur sagen, dass das iPhone 4 rundum gelungen ist — selbst die Antenne. Wo mein altes iPhone 3GS gar keinen oder nur sehr schlechten Empfang hatte, glänzt das iPhone 4 mit vier oder fünf Balken (iOS 4.0.1). Durch die verschlankte Konstruktion, hat man das Gefühl einen soliden Block aus Stahl und Glas in der Hand zu halten. Zu dieser Stabilität gehört auch die deutlich verbesserte Kratzresistenz der neuen Glas-Rückseite. Nach zwei Wochen ist sie noch absolut makellos. Beim 3G und 3GS waren im gleichen Zeitraum nach ein paar Tagen erste haarfeine Kratzer zu sehen — trotz pfleglicher Behandlung.
Das Retina Display ist ein Traum. Selbst ganz nahe sind kaum Pixel zu erkennen. Wenn man sich daran gewöhnt hat, wirkt das Display eines alten iPhones oder selbst eines iPads gar richtig grobpixelig. Dank IPS-Panel bleibt dazu die Farbdarstellung bei normalen Blickwinkeln immer stabil und das Schwarz wirkt schön satt. Gelbe Flecken sind übrigens weit und Breit keine zu sehen.
Die neue 5-MPixel-Kamera ist schnappschusstauglich und für diese Chipgröße bzw. Handy-Verhältnisse sogar noch halbwegs rauscharm. Eine wirkliche Überraschung ist der LED-Blitz. So extrem hell hätte ich ihn nicht vermutet. Wenn er permanent an ist, z.B. mit der App »Light«, macht er selbst kleinen Taschenlampen Konkurrenz. Mit Videoaufnahme habe ich normal nicht viel an Hut, aber meine Testvideos in 720p waren durchweg scharf, farbneutral und flüssig.
In Sachen Geschwindigkeit macht sich der A4-Chip wirklich bemerkbar. Das iPhone 4 rendert Websites fast genauso schnell wie ein iPad. Dank mehr RAM müssen bei Tabbed Browsing auch nicht ständig andere Tabs beim Aufrufen neu geladen werden. Versteh wer will, warum das iPad nicht auch 512 MB RAM hat. Gleichzeitig zu höheren Leistung, scheint der A4 deutlich weniger Strom zu ziehen. Der Akku ist im Vergleich zum 3GS etwas größer geworden. Das alleine kann aber nicht den Laufzeitunterschied erklären. Bei meiner typischen Nutzung hält das 3GS mit iOS ca. 2,5 Tage. Das iPhone 4 kam auf Anhieb auf über vier Tage.
Insgesamt ist das iPhone 4 ein großer Wurf und die hohen Verkaufszahlen vollkommen gerechtfertigt. Das Empfangsproblem in schlecht abgedeckten Gegenden dämpft die Freude etwas, hat aber keine großen Auswirkungen auf meinen positiven Gesamteindruck. Der Fairness halber muss ich aber sagen, dass dieses Thema jeder für sich bewerten muss, um einen eventuellen Kauf zu entscheiden. Für mich spielt es nun mal weniger eine Rolle und demnächst kommt die Lösung eh kostenlos ins Haus.